Schlafgestalten: acht Gedichte

Schlafgestalten: acht Gedichte

Paul Celan


AUGENBLICKE, wessen Winke, 
keine Helle schläft. 
Unentworden, allerorten, 
sammle dich, 
steh. 



Deine Hände, die unermüdlichen Jäger. Gott 
ist vergessen, sie greifen die Beute, du lebst. 
Eine Stunde, diese, 
bläst dir den Namen leer. 



IN DIE NACHT GEGANGEN, helferisch 
ein stern-
durchlässiges Blatt 
statt des Mundes: 

es bleibt 
noch etwas wild zu vertun, 
bäumlings.



Ein Dritter steht neben uns, 
er spricht unsre Sprache, 
er spricht sie besser als wir, 
tödlicher, rauschender, heller. 



KOMM, wir löffeln 
Nervenzellen 
- die Entengrütze, multipolar, 
der leergeleuchteten Teiche — 
aus den 
Rauten-
gruben. 

Zehn Fasern ziehn 
aus den noch erreichbaren Zentren 
Halberkennbares nach. 




SCHNEEPART, gebäumt, bis zuletzt, 
im Aufwind, vor 
den für immer entfensterten 
Hütten: 

Flachträume schirken 
übers 
geriffelte Eis; 

die Wortschatten 
heraushaun, sie klaftern 
rings um den Krampen 
im Kolk.




Kleine Silbe, kurze Heimat, 
in der du dich eingeheimnißt verlierst, 

der Eine, Viele, 
der Nachbar 
im beseelten Kristall 
fügt dir zehn Tage Nachwahn 
zu. 




Alle die Schlafgestalten, kristallin, 
die du annahmst 
im Sprachschatten, 

ihnen 
führ ich mein Blut zu, 

die Bildzeilen, sie 
soll ich bergen 
in den Schlitzvenen 
meiner Erkenntnis -, 

meine Trauer, ich seh’s, 
läuft zu dir über.

Shapes in Sleep: Eight Poems

David Ting


MOMENTS, filled with omens,
never shut your eyes.
Undecaying, from all places,
gather yourself,
rise.



Your hands, these inexhaustible hunters. God
is forgotten, they reach into the hive. You survive.
An hour, this one,
blesses you with the name.



INTO THE NIGHT, a volunteer
leaf
shivering with starlight, gone,
instead of the mouth:

it remains
something savagely wasted,
by the saplings.



A third being stands near us,
he speaks our language,
he speaks it better than we can:
deadlier, quieter, brighter.



COME, we are spooning out
neurons
— like duck porridge, multipolar,
from the unlit pond —
out of the
brain-
stem.

Ten tendons weed out
what is still within reach.
Half-recognizable.




SNOW. INSOMNIA. Branching to no end,
in the updraft, before
the forever window-gouged
huts:

spindrift of dreams
over
riffled ice;

to carve words
out of shadows, tether them
around the pickaxe
in the echo.




Small syllable, brief homeland,
secret instant where you spirit yourself —

the One, the Many,
the neighbor
in animate crystal:
they possess you, ten days, all
nightmare.




All the shapes in sleep, crystalline,
transmitted to you
by voices in the dark,

I
lure them with my blood,

rows of images
burgeon, transfuse
through slit veins,
into what I know —

I mourn.
It infects you.